Fünf Vertonungen nach Gedichten von Christine Lavant

für gemischten Chor a capella


UA am 12. August 2017 beim Festival St.Gallen/Stmk. durch den Arnold Schönberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner

Dauer: 16‘


Mir ist es oft
So eine wildfremde Sonne
Für meine Mutter
Durchgegangen ist mein Steppenpferdchen
Seit heute


‚Mir ist es oft, als ob die Erde sich jetzt atemleise meinem Blick entzöge…‘, beschreibt einen Zustand der Entfremdung von der Welt. Die Namen der Dinge klingen zwar noch vertraut, aber Wort und Bedeutung können nicht mehr zugeordnet werden. Somit geht der Bezug zur Welt verloren und man bleibt allein zurück. Der einzige Ausweg aus der Einsamkeit ist die Besinnung auf sich selbst, denn das eigene Ich bleibt vertraut, während sich die Welt entfernt. Die Musik arbeitet mit der Spannung zwischen Vertrautem und plötzlicher Ferne, unerwartetem Fremdsein. Warme Klänge verlieren sich im Unbestimmten, Schales überlagert die klare Linie, Entwicklungen reißen ab oder führen ins Ungewisse.

In ‚So eine wildfremde Sonne‘ geht es um die personifizierte Sonne, die ins Dorf kommt. Aber sie scheint fremd hier zu sein, kennt die Wege und Orte nicht. Während ihr Verhalten anfänglich noch Unmut hervorruft, verwandelt sich die Stimmung allmählich in Anteilnahme. Die Sonne scheint zu trauern, aber der Beobachter vermag sie nicht zu trösten. Das hätten viel mehr die Blumen der Gegend übernehmen können. Aber die sind schon verblüht. Die Musik zeichnet den Stimmungswechsel nach. Während anfänglich aufgeregtes Dorfgetratsche dominiert, übernehmen allmählich die nachdenklichen Töne die Führung.

‚Für meine Mutter‘ ist eine zutiefst berührende Liebeserklärung an die kranke Mutter. Die Rollen zwischen Mutter und Tochter sind vertauscht. Denn nun ist es die Tochter, die Trost und Hilfe bringen will, nicht so wie früher die beschützende und wärmende Mutter. Sie will für sie bis zu den Sternen gehen und beauftragt ihren Engel ihr die Blume ihres Herzens zu überbringen. Der Wechsel von homophonen und polyphonen Passagen bestimmt die Musik. Sie fügt sich ganz dem Sprachduktus und spürt den tiefen liebevollen Empfindungen nach.

‚Durchgegangen ist mein Steppenpferdchen‘ wird von einer einzigen starken Emotion dominiert. Es geht darin um die Wut der Erzählerin auf ihren Engel, der es verabsäumt hat, gut auf ihr vergöttertes schwarzes Pferdchen achtzugeben. Sie fordert ihn wütend auf dem Ross hinterher zu jagen, auch wenn es quer durch die Wüste sein muss und der Ausgang ungewiss ist. Gemäß dem Text hat auch die Musik etwas Treibendes, Vorwärtsstürmendes. Ein peitschender Rhythmus durchzieht das Stück und die wütenden Ausbrüche der Reiterin finden ihren musikalischen Ausdruck in extremen dynamischen Kontrasten. Die Anrufung des Engels hat ihre eigene Tonalität, entsprechend dem ‚Engel, du Kamelchen‘, etwas Spöttisches, Abwertendes.

‚Seit heute‘ ist eines der wenigen Gedichte Christine Lavants, das ausschließlich positiv besetzt ist. Es beschreibt einen der seltenen Augenblicke ihres Lebens, in denen sie mit sich und der Welt im Reinen ist. Sie empfindet die Erde als warm und die Welt als Weidenwiege, in der die Menschen im Schaukeln zusammenrücken.
Musikalisch findet die Wärme des Textes ihren Niederschlag einerseits in weiten ausladenden Akkorden, die durch den Klang der menschlichen Stimmen ihre besondere Qualität entwickeln. Andrerseits transformiert ein leicht wiegender Rhythmus den Frieden und die Zuversicht dieses Gedichtes.


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